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Professionalität vs. Humanität?

22 Jun 2019, Geschrieben von Stefan Schütz in Aktuelles

Leseprobe aus meinem Buch: „Die Freiheit der Gedanken ist der Schlüssel zum Glück!“, das Sie hier! bestellen können.

 

Da der Gedanke von Schuld, von „sich schuldig machen“ und „schuldig sein“ ein zentraler Aspekt jedes reflektierenden Individuums ist, möchte ich hier auf den Zusammenhang von Professionalität und Humanität eingehen, der in meinen Beratungen immer wieder eine Rolle spielt – vor allem bei Menschen, die Verantwortung für viele übernommen haben und deren Entscheidungen das Leben anderer direkt beeinflussen. Berufsbedingte ethische Dilemmata lasten vielen Akteuren schwer auf den Schultern. Die inneren Konflikte wuchern ins individuelle Leben hinein und richten hier, wenn sie nicht klar erkannt und eingehegt werden, großes Unheil an. 

Die meisten Menschen glauben, dass die Industrialisierung die Moderne erst möglich gemacht hat. Das ist nur zum Teil richtig, denn die Moderne basiert hauptsächlich auf der Idee der Arbeitsteilung und einer damit einhergehenden Professionalisierung von Tätigkeiten. Im Zuge dieser Professionalisierung teilten die Menschen die vielfältigen Tätigkeiten, die sie verrichten mussten, um ihr Leben zu bestreiten, nach individuellen Begabungen und Fähigkeiten auf. So konnte jeder in seinem Spezialgebiet deutlich zielgerichteter vorgehen (schließlich stand nun viel mehr Zeit für die Erfüllung einer einzelnen Aufgabe zur Verfügung), während andere Menschen im Gegenzug die Versorgung in den übrigen Wirtschaftszweigen sicherstellten. Erst dieses Prinzip – eine in allen Bereichen durchgesetzte Arbeitsteilung – hat die Erfindungen und Entwicklungen der Moderne möglich gemacht. Bis heute ist die Ausdifferenzierung unserer Arbeitswelt der entscheidende Faktor für modernes Leben. Wer ein Zurück propagiert lehnt diese Ausdifferenzierung ab. Eine Wiederkehr vorindustrieller Zustände wäre die logische Folge. Da aber die meisten Menschen an der Aufrechterhaltung unseres modernen Systems interessiert sind, bleiben alle Rufe nach Selbstversorgung und Aussteigen isolierte Phänomene. Sie schaffen es zwar immer wieder in die Medien (wenn es gilt, die romantischen oder mystischen Bedürfnisse der Konsumenten zu befriedigen), bieten aber keinerlei realistische Perspektive.

Durch Spezialisierung, also die Hinwendung eines Individuums zu klar abgegrenzten Tätigkeiten, entsteht automatisch eine immer weitere Professionalisierung des betreffenden Arbeitsfelds. Professionalisierung jedoch bedeutet emotionsarmes oder im Idealfall sogar emotionsfreies Handeln der Akteure. Ein Übermaß an Emotion schadet der professionellen Idee und wirkt in vielen Bereichen kontraproduktiv. Um diese These zu untermauern, möchte ich Ihnen ein sehr eindrückliches Beispiel nennen: die sogenannte Triage. Die Triage ist ein Verfahren zur Priorisierung von Hilfsleistungen in Situationen mit zahlreichen Verletzten und begrenzten Rettungsmöglichkeiten. Entwickelt wurde dieses Verfahren vom Militär. Das Prinzip: „Sichter“ müssen innerhalb von maximal 60 Sekunden entscheiden, wie mit einer Person zu verfahren ist. Ihre Entscheidung wird für die später eintreffenden Notärzte durch eine fünfstufige Farbkennung sichtbar gemacht – von „Sofortbehandlung“ über „Sterbebegleitung“ bis hin zu „tot“. Dahinter steckt die Idee, die verfügbaren Ressourcen für eine Rettung auf möglichst viele Menschen zu verteilen, die tatsächlich eine Überlebenschance haben – wissend, dass dem einzelnen Verwundeten manchmal auch Hilfe verweigert werden muss, wenn die Aussicht auf Erfolg gering ist. Wäre der Betreffende der einzige Verletzte, würde man sich selbstverständlich ganz ausführlich um ihn kümmern. 

Das Verfahren der Triage benötigt sehr erfahrene und routinierte Hilfskräfte, die möglichst emotionsarm oder völlig emotionsfrei agieren können, damit das Wohl von vielen garantiert wird. Basierend auf derselben professionellen Idee vom emotionsarmen Handeln darf auch ein Herzchirurg seine eigene Frau nicht operieren. Bevor sich Menschen also über die Distanziertheit von Chirurgen oder anderen Ärzten beschweren, sollten sie deren Professionalität bedenken – und sich darüber freuen, dass diese Berufsgruppen so professionell arbeiten, wie sie es in den meisten Fällen tun. 

Wir sehen an diesem Beispiel, wie die Idee der Humanität Professionalität generiert, die wiederum Humanität sichert. Beide Prinzipien sind in diesem Kontext untrennbar miteinander verbunden. Allerdings unterscheiden sie sich in der emotionalen Komponente – ja, es entsteht manchmal sogar der Eindruck, dass professionelles Auftreten und Handeln „unmenschlich“ seien. Tatsächlich ist meistens das Gegenteil der Fall. Im Umkehrschluss heißt das: Sobald im professionellen Kontext individuelle Emotionen in den Vordergrund rücken, verliert die Professionalität ihre Schlagkraft und ihre Wirkung – zum Nachteil für alle Beteiligten.